Statement zum Anschlag auf den CSD Berlin
Von Havel der Vielfalt, Die Linke AG queer Brandenburg an der Havel und Antifaschistisches Jugendforum Brandenburg
Havel der Vielfalt
Hallo liebe Queers, liebe Verbündete,
ich bin Sophie, eines der hauptverantwortlichen Mitglieder von Havel der Vielfalt und Mitglied der CSD-Orga hier in Branne. Unsere Aufgabe von Havel der Vielfalt ist es, sich zu vernetzen, sich zu supporten und diese Möglichkeiten auch der queeren Community hier aus Brandenburg an der Havel zu bieten. Der Besuch von CSDs in Brandenburg, Berlin und Teilen Sachsen-Anhalts gehört dazu.
Auch der CSD Berlin gehörte zu unseren Plänen. Hierfür haben wir uns mit der AG queer unseres Linken-Kreisverbandes zusammengetan, um eine größere Gruppe zu haben, die sich nicht aus den Augen verliert. Und bei Gott, bei uns lief nicht alles glatt. Aber es hat mich beruhigt und glücklich gemacht, dass wir als Gruppe in jeder Situation zusammengestanden und uns getragen haben. Egal, wie gut wir uns kannten, egal, wie unser Verhältnis zueinander ist. Jede einzelne Person hat Verantwortung für die Gruppe getragen, bis alle zuhause waren.
Doch dieses Verantwortung tragen hört nicht vor dem Fernseher auf. Oder in diesem Fall vor Instagram, als der leuchtend gelbe Post der CSD-Berlin-Orga erschien. Auch von uns waren noch Personen unterwegs. Wir sind nicht alle geschlossen nach Hause gefahren. Und auch über die Bezugsgruppe hinaus waren Freund*innen, Familie, Kolleg*innen oder befreundete Orgas von uns da. Unsere erste Sorge war es, sich zu fragen, was mit unseren Liebsten ist. Es ist nur allzu menschlich, nicht bei allen nachgefragt zu haben. Bitte seht dies nach. Auch wir selbst haben Nachrichten bekommen, nicht nur, ob es uns gut geht, sondern auch, ob wir etwas von anderen gehört haben, die sich lange nicht zurückgemeldet haben. Von denjenigen, von denen ich weiß, sind alle wohlauf.
Körperlich zumindest. Psychisch belastet uns diese Tat sehr. Und ich denke, dass ich hier für jeden hier unter den Gedenkenden spreche: Menschen rotieren, Menschen denken darüber nach, wo sie zu dem Zeitpunkt waren. Teilweise waren diese gerade so weg, als dieser Transporter in die Menge raste. Auch in der Kombination mit der Aussage der Polizei Berlin, dass über 250 Punkte abgesichert wurden, kommen mir noch andere Bilder in den Kopf. Wie wir in unserer Gruppe in Cottbus kurz darüber gesprochen haben, wie es sein kann, dass ein Auto in einer kleinen Seitenstraße warten kann, ohne dass ein Cop in der Nähe war. Wie der CSD in Schwedt über einen Parkplatz zur Endkundgebung geführt wird, ohne eine seitliche Absicherung. Wie der CSD in Neuruppin oder auch Eisenhüttenstadt nur vorne und hinten abgesichert war. Die Endkundgebung in Eisenhüttenstadt wurde 200 m weiter in einer Parkecke abgesichert. In einer Ecke. Keine Straßenabsperrung.
Und das, obwohl Minister Wilke und Bürgermeister Henkel da waren. Hoch- bis höherrangige Politiker.
Liebe Queers, liebe Verbündete. Wenn wir von diesem Anschlag sprechen, bei dem sich jetzt erst darum Gedanken gemacht wird, statt davor, dass kein Auto in die Demo fährt, dann reden wir nicht nur darüber, dass jemand sein menschenfeindliches Gedankengut auf diese Art äußert. Wir reden hier von einem krassen Sicherheitsproblem für alle Queers. Wir hatten dieses Sicherheitsproblem in Eberswalde, in Cottbus, in Müncheberg, in Schwedt. In Branne habe ich letzte Woche auf der Anfangskundgebung gehört, dass auch uns von der Polizei abgesprochen wurde, politisch zu sein. Auch ein Leser hat sich auf Meetingpoint geäußert, dass wir ein politisches Geschäftsmodell seien, keine Bürgerrechtsbewegung. Aber das sind wir: eine Bürgerrechtsbewegung, die dafür kämpft, dass alle unabhängig der sexuellen und geschlechtlichen Identität in Frieden leben dürfen. Und wir dürfen uns das nicht nehmen lassen!
Und liebe Queers und liebe Verbündete. Das ist etwas, was wir in Zukunft weiterhin erwarten dürfen. Dass wir als politische Bewegung nicht mehr ernstgenommen werden. Dass der Schutz zurückgeht. Und eigentlich, das ist ja das traurige, sind wir schon mittendrin. Der Hass zeigt sich nicht nur in solchen Taten. Kommentare auf Insta sind schon längst die Realität und ergänzen die Sprüche, die Queers schon im Alltag zu hören bekommen. Unter dem Deckmantel der Anonymität und der geringen Moderation, sogar auf größeren Plattformen, ist es einfacher, die Hemmschwelle fallen zu lassen.
Liebe Queers und Verbündete, lasst uns zusammenhalten, lasst uns eine Minute gedenken.
Liebe Queers und Verbündete, diese Situation ist beängstigend. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir diese Situation keine Angst macht. Ich besuche gerne andere CSDs und auch vor dem CSD in Berlin gab es Anschläge dieser Art, bei denen ich auf anderen CSD oder Streiks, bei uns sind auch einige Gewerkschaftler*innen, nachgedacht habe: “Was, wenn ein Auto kommt?” Auch hier in Branne denke ich darüber nach. Der CSD Berlin ist für uns Queers und Allys verdammt nahe. Ich verstehe jede Person, die sich aus diesem Grund fernhalten möchte. Wir sind schließlich Aktivist*innen, wir müssen unsere Kräfte für einen Kampf für queere Rechte gut einteilen. Dazu gehört es auch zu wählen, welchen Teilkämpfen man sich anschließt.
Diejenigen, die jedoch sagen: “Jetzt erst recht!”, möchte ich im Namen von Havel der Vielfalt dazu einladen, sich unseren CSD-Reisegruppen anzuschließen. Nur gemeinsam sind wir lauter. Nur gemeinsam können wir uns unterstützen. Nur gemeinsam schaffen wir ein starkes Netz über die Stadtgrenzen hinaus. Und kleine sowie große CSDs gleichermaßen brauchen den Support.
Ich danke euch für das Zuhören und die Unterstützung. Ich danke den Redner*innen, die auch ihre Stimmen für die queere Community nutzen. Und allen voran danke ich Jule Moosdorf, die diese Gedenkveranstaltung organisiert hat und uns um so viel entlastet hat, die mir während der Organisation ein offenes Ohr geschenkt hat, denn ein “Geht es dir gut?” kickt anders, wenn man es nicht nur liest, sondern auch hört. Auch danke ich Alex vom Maple Leaf Studio, dass sie nochmal einen Raum im Studio selbst für uns schafft, um nach der Kundgebung unsere Gedanken los zu werden. Das ist die Gemeinschaft, die nun im Großen Verantwortung trägt, wie gestern wir in unserer Bezugsgruppe.
Wir hoffen, dass ihr die Situation gut verarbeiten könnt. Wir schicken viel Liebe nach Berlin, dass diese auch in dieser Lage einen kühlen Kopf bewahrt haben und dass auch sie die Zeit bekommen, alles zu verarbeiten. Vielen Dank.
Antifaschistisches Jugendforum Brandenburg
Hallo.
Die Nachricht aus Berlin hat uns gestern erschüttert. Unsere Gedanken sind bei den körperlich und seelisch Verletzten sowie bei den Angehörigen der Verstorbenen und Verletzten.
Die meisten von uns wären gestern sehr gerne in Berlin beim CSD gewesen. Bevor die Nachricht kam. Nach dem realisieren hieß es erstmal sicherstellen, dass es den Bekannten gut geht, die da waren. Danach: Nachdenklichkeit.
Was, wenn ich doch hingefahren wäre?
Was passiert jetzt mit den Menschen, die vor Ort waren?
Was bedeutet das für weitere CSDs, den CSD Berlin im nächsten Jahr?
Was bedeutet es für die nächsten Tage?
Es wird viele voreilige Schlüsse geben, Tatsachenverdrehungen und wahrscheinlich auch würdeloses Kapitalschlagen aus den Leiden der Opfer.
Die Tat fällt in ein Muster aus Queerfeindlichkeit. CSDs werden ihre politischen Kerne abgesprochen. Das Familienministerium streicht das Wort “Queer” aus Referatstiteln und die Union überlegt ernsthaft, ein Register für Trans*Menschen einzuführen, während die Gewalt gegen queere Menschen steigt.
Nun zeigt sich die CDU bedrückt, beklagt die Früchte der eigenen Politik, schafft es aber nicht, anzuerkennen, dass es ihre queerfeindliche Politik war und ist.
Noch pietätloser ist die AfD. Kaum heißt es, dass es mutmaßlich eine Verbindung zur islamistischen Szene gibt, gibt es eine Pressemitteilung der Rechtsextremist*innen: Sie stellen nicht belegte Szenarien her und schaffen eine Parallelrealität, in der sie völlig fremd vom aktuellen Geschehen eine gescheiterte Migrationspolitik für den tragischen Tod eines Menschen verantwortlich machen.
Lasst uns also zusammenhalten gegen diese Spaltung. Lasst uns der Betroffenen gedenken und Anstandslosen Missbrauch der tragischen Schicksale anprangern, damit die Betroffenen und Angehörigen in Würde trauern können.
Unser Gedanken sind mit ihnen.
Die Linke AG queer Brandenburg an der Havel
Guten Tag, liebe Verbündete und Trauernde,
ich bin Anzai, einer der Sprecher der AG queer der Linken.
Wie viele von euch haben wir gestern auf dem Berliner CSD viele neue Menschen kennengelernt. Immer wieder hat man sich aus den Augen verloren – aber normalerweise wusste man: Wir finden uns wieder.
Gestern Abend war das für viele Menschen anders. Sie haben sich verloren, ohne zu wissen, ob sie ihre Liebsten jemals wiedersehen.
Besonders bewegt hat mich ein Artikel mit einer Frau, die verzweifelt ihre Freundin suchte. Als sie sie schließlich sah, rief sie unter Tränen, dass ihre Begleitung angefahren worden sei. So etwas wünscht man niemandem.
Neben der Trauer spüren viele auch Wut. Wie konnte das passieren? Warum war der Bereich nicht besser gesichert? Wer behauptet, das sei nicht möglich gewesen, irrt. Bei anderen Veranstaltungen werden Eingänge zum Tiergarten ebenfalls abgesichert. Natürlich gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit – aber wir müssen darüber sprechen, wie wir solche Veranstaltungen künftig sicherer machen können.
Viele fragen sich jetzt: Wie können wir uns weiterhin sicher fühlen?
Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Niemand wird uns kleinbekommen.
Wie viele von euch haben gestern sofort Freunden und Familie geschrieben, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist? Wie viele sind heute erschüttert, obwohl sie gar nicht vor Ort waren?
Auch wir waren mit Menschen dort, die zum ersten Mal einen CSD besucht haben – voller Vorfreude. Statt schöner Erinnerungen bleibt nun bei einigen die Angst, dass so etwas wieder passieren könnte. Der erste CSD sollte Hoffnung, Gemeinschaft und Stolz vermitteln – nicht Angst.
Deshalb ist es wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn einen die Ereignisse belasten. Ob professionelle Unterstützung oder Gespräche mit Freunden und anderen Betroffenen – niemand muss seine Gefühle verstecken. Es ist keine Schwäche, darüber zu sprechen.
Gerade jetzt müssen wir zusammenstehen. Rücksicht aufeinander nehmen. Uns gegenseitig unterstützen. Keine Angst zulassen und uns nicht verstecken.
Der gestrige Tag hat uns erneut gezeigt, warum CSDs und der Einsatz für Vielfalt, Gleichberechtigung und Menschenrechte so wichtig sind. Lasst uns für die Menschen einstehen, die gestern betroffen waren – und für all diejenigen, die in den vergangenen Jahren für unsere Rechte gekämpft haben.



